Orientalischer Tanz / "Bauchtanz" / Raqs Sharqi
Zauber aus 1001 Nacht - Geheimnis - Erotik - schlangenartige,
sinnliche Bewegungen - Frauenemanzipation - Farben, Düfte -
Animation - weich, geschmeidig ....und was alles noch mit dem
Wort "Bauchtanz" verbunden wird...!
Aber was ist nun KLASSISCHER ORIENTALISCHER TANZ, der umgangssprachlich
oft und fälschlicherweise mit "Bauchtanz" gleichgesetzt wird? Dieser Tanz, der mit so vielen Klischees behaftet
ist?
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Eine Tanzart, bei der der ganze Körper
sich bewegt, angefangen mit den Augen, über Brust, Finger,
Hüften, Bauch bis zu den Füssen. Harmonische, natürliche
Bewegungsabläufe passend zur orientalischen Musik. |
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Ein "gesunder" Tanz.
Die Techniken und Bewegungen stärken den Körper,
keine extremen Haltungen machen ihn kaputt. |
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Eine Tanzart,
die jede Frau,
ob jung, reif, alt, dünn oder mollig, ausüben kann,
und bei der jede Frau
schön aussieht. |
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Ein Tanz, mit dem jede Frau sich selbst, ihr Temperament, ihre Lebenserfahrung
ausdrücken kann. Es sind nicht v.a. die jungen, gertenschlanken
Frauen mit den "schönen" Einheitsgesichtern
gefragt, sondern Frauen, die etwas zu erzählen haben,
die das Leben geformt hat. |
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Ein freier Tanz, unabhängig von fremden Choreografien, ein Tanz,
der zwar gewisse traditionelle Regeln kennt, in dem es aber
sehr viel Platz für Improvisation, für spontanen
Ausdruck der Gefühle gibt; bei dem man zur gleichen
Musik immer wieder anders tanzen kann. |
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Ein erotischer
Tanz, in dem jede Frau ihre eigene Art von Weiblichkeit ausdrücken
kann, in dem Erotik nicht mit Sex oder Vulgarität gleichzusetzen
ist. Der schönste und weiblichste Tanz!! |
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Ein Tanz, der technisch höchst anspruchsvoll ist und bei dem
es, wie bei anderen Tanzarten, viele Jahre dauert, bis man ihn zur
Perfektion bringt. |
Kann
eine westliche Frau orientalisch tanzen? Ja ! Denn sowohl die Sprache
der Musik wie diejenige des Körpers sind überall gleich.
Die Ausdrucksschwerpunkte können allerdings differieren.
Mit "orientalischer Tanz" wird
im Allgemeinen ein Kunsttanz bezeichnet, meist ein Solotanz der
Frauen, der in der arabischen Welt "Raqs Sharqi" (= östlicher
/ orientalischer Tanz) heisst. Es gibt verschiedene Stile, die alle
auch einem Wandel gemäss dem Zeitgeist unterworfen sind. Das
Vokabular des orientalischen Tanzes besteht vor allem aus isolierten
Bewegungen von Brustkorb und Becken, sowie Schultern, die sowohl
in weicher fliessender Weise wie auch hart und akzentuiert ausgeführt
werden. Der Einsatz der Bauchmuskulatur und der Arme, sowie der
so genannte Shimmy, ein rhythmisches, isoliertes Zittern der Hüften
oder anderer Körperteile, sind weitere bezeichnende Elemente
des orientalischen Tanzes.
Neben dem klassischen orientalischen Tanz gibt es die Vielfalt
der Folkloretänze, sowie die Tänze aus anderen islamischen
Gebieten, wie z.B. aus Persien oder Afghanistan. Diese haben im
Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte den klassischen orientalischen
Tanz beeinflusst. Und nicht zu vergessen sei der erdigere "Baladi",
wie er auf dem Lande, in den Strassen oder im Kreise der Familie
getanzt wird, wo sich die Elemente der Folklore mit jenen des Raqs
Sharqi vermischen. Vor allem in Europa und USA haben sich noch viele
Phantasie- und Mischformen, wie Schleiertanz, Säbeltanz, Samba-Oriental
usw. entwickelt, die auch unter den Begriff "orientalischer
Tanz" fallen.
Der orientalische Tanz ist eine Tanzart, bei der sich der gesamte
Körper bewegt, angefangen mit den Augen, über Brust, Finger,
Hüften, Bauch bis zu den Füssen. Aber wie kam es zu dem
unschönen und ungenauen Namen "Bauchtanz"? Dazu ein
Exkurs in die Geschichte des orientalischen Tanzes:
Weil es aus frühester Zeit natürlich keine Quellen gibt,
bleibt die eigentliche Herkunft des orientalischen Tanzes im Dunkeln,
aber man kann davon ausgehen, dass dieser Tanz, wie alle alten Tänze,
religiösen-rituellen Ursprungs ist. Elemente wie schwingende,
kreisende und vibrierende Hüften lassen dabei an Fruchtbarkeitstänze
denken. Da der Tanz an Musik und Bewegung gebunden ist, lassen auch
bildnerische Darstellungen nicht auf die Art und Weise schliessen,
wie er ausgeführt wurde. Meist verloren die Fruchtbarkeitstänze
mit der Zeit ihre religiöse Bedeutung, und der Tanz entwickelte
sich immer mehr zur reinen Unterhaltung und zu einer hohen Kunstform.
An dieser Stelle soll vor allem die Entwicklung des orientalischen
Tanzes in Aegypten dargelegt werden:
Schon im Alten Aegypten finden wir einerseits den sakralen Tanz,
andererseits den weltlichen Unterhaltungstanz. Erste Abbildungen
von Tänzerinnen finden wir bereits aus der prähistorischen
Negadah-Kultur, in der magische Rundtänze, Waffen- und Maskentänze,
sowie Fruchtbarkeitstänze existierten.
Im Alten Reich (2778-2160 v. Chr.) gab es wohl eher ruhige Schreittänze,
die sich im Mittleren Reich (2160-1580 v. Chr.) zu expressiveren
Tänzen auch mit akrobatischen Elementen und Sprüngen entwickelten.
Im Neuen Reich (1580-1085 v. Chr.) wurden viele Tänze noch
schneller und lebhafter, zum Teil auch exstatischer, oft zudem mit
erotischem Charakter. Während der gesamten pharaonischen Zeit
herrschte zwischen Aegypten und den Nachbarstaaten ein reger kultureller
Austausch. So flossen viele Elemente aus Schwarzafrika und Asien
in den Tanz, und dies vor allem auch, weil Tänzerinnen und
Musikerinnen sowohl aus Vorderasien als auch aus Kusch (Nubien)
und Punt (Eritrea, Somalia, Aethiopien) "importiert" wurden.
In der Spätzeit wurde Aegypten von Ländern wie Aethiopien,
Assyrien und Persien beherrscht, bis es 332 v. Chr. von dem Griechen
Alexander d. Grosse erobert wurde. Die Herrschaft der griechisch-stämmigen
Ptolemäer wurde 30 v. Chr. von den Römern abgelöst.
Während der Zeit der Griechen scheint der Tanz nicht mehr die
gleiche Bedeutung, nämlich diejenige einer sinnlichen Kunst,
gehabt zu haben. Erst aus der römischen Zeit sind uns wieder
viele Darstellungen überkommen. Der afrikanisch-ägyptische
Tanz besass eine wichtige Funktion bei sakralen Zeremonien, als
Begleitung römischer Initiationsriten, aber nun auch als rein
sexuell-animierender Schautanz. Bekannt durch schrifliche Ueberlieferungen
ist vor allem die "Kunst der Mädchen von Gades" (Cadiz),
die im Römischen Reich wegen ihrer üppigen Tänze
und Lieder besonders berühmt-berüchtigt waren. Der eher
erotische, sinnlich-heitere Tanz ist nun zum sexuellen Aufforderungstanz
verkommen.
Nachdem das Christentum sich im Mittelmeerraum ausgedehnt hatte,
ist es verständlich, dass vom "Bauchtanz" nichts
mehr zu hören ist. dieser liess sich nicht mit der asketischen
Kirche jener Zeit vereinen. Der Islam, der sich seit dem 7. Jh.
von der arabischen Halbinsel her auch nach Aegypten ausbreitete,
stand der Körperlichkeit zwiespältig gegenüber. So
durften zum Beispiel keine Menschen bildlich dargestellt werden,
was zu der grossen Vielfalt an anderen Gestaltungselementen wie
z.B. Arabesken geführt hat. War deshalb der Tanz ein lebendiger
Ersatz für Skulpturen und Bilder? Zu erwähnen sei noch,
dass im Koran Tanz weder ausdrücklich verboten noch
erlaubt ist.
Zentren der Kultur waren neben Mekka und Medina, Damaskus und Bagdad.
Bekannt ist, dass Musik und Tanz z.B. am Hofe von Harun al-Rashid
in Bagdad um 800 n.Chr. eine grosse Bedeutung zukamen. Zu dieser
Zeit gabe es Tanz- und Gesangssklavinnen aus verschiedenen Ländern
wie Indien, Persien, Mittelasien, sowie aus den schwarzafrikanischen
Gebieten.
In Aegypten löste eine Dynastie die andere ab, allesamt nicht
von ägyptischer Herkunft. 1517 begann die fast 300-jährige
Herrschaft der Osmanen, die in Aegypten Kunst und Kultur zum Erliegen
brachte. Der orientalische Tanz wurde in den Harem, in den Frauenbereich
der Höfe verbannt und hatte als Kunstform keine Bedeutung mehr.
Und doch dürfte diese Tradition der Hoftänze als Vorläufer
für den Raqs Sharqi gelten. Allerdings war, neben der reinen
Unterhaltung der Frauen unter sich, ein Ziel des Tanzes, dem Herrn
und Gebieter zu gefallen. Dadurch, dass das Osmanenreich fast den
gasnzen Mittelmeerraum umspannte, wurde in seinem gesamten Einflussbereich
der gleiche Tanzstil ausgeübt.
Unter der europäischen Kolonialherrschaft, die 1798 mit Napoleon
Bonapartes Feldzug nach Aegypten begann, verbreitete sich der schlechte
Ruf des orientalischen Tanzes als Animationstanz immer mehr. Er
wurde den fremden Soldaten von einheimischen Mädchen in Verbindung
mit Prostitution angeboten.
Als unter Mohamed Ali (1805-1848) Aegypten modernisiert und nach
europäischem Vorbild umgestaltet wurde, dadurch Berichte nach
Europa kamen, nahm das Interesse an diesem exotischen Land beträchtlich
zu: Abenteurer, Künstler, Dichter, Archäologen, Schatzsucher
und betuchte Touristen reisten ein, beschrieben es mit mehr oder
weniger Verständnis, beraubten es vieler Altertümer, waren
sowohl fasziniert wie auch abgestossen von seiner Andersartigkeit.
Aus dieser Zeit finden wir auch viele Erwähnungen von orientalischem
Tanz: Es kommen Begriffe vor wie "lasziv", "provozierend",
es wird von Tanzknaben gesprochen, beeindruckt haben aber oft auch
die Kunstfertigkeit und Körperbeherrschung der Tänzerinnen.
Berühmt wurde die Beschreibung des Tanzes von "Kuchuk
Hanem", wie G. Flaubert ihn in seinem Reisetagebuch notierte,
und den er in seiner Erzählung "Herodias" verarabeitete.
Weswegen viele Berichte den orientalischen Tanz als obszön
bezeichneten, kommt daher, dass Europa im 19. Jh. vom sehr prüden
viktorianischen Geist geprägt war: Die Frauen waren mit Korsetts
eng geschnürt und "versteift", alles, was sich unterhalb
der Taille befand, galt als anrüchig, so dass schon das Wort
"Bein" unanständig war. Nicht verwunderlich ist es
daher, dass die Leute 1889 in das "algerische Dorf" an
der Weltausstellung von Paris stürmten, um dort algerische
Tänzerinnen zu sehen, die, zwar vollständig bekleidet,
aber ohne Einschnürung sinnlich anmutende Bewegungen vollführten.
Man lästerte, empörte sich, beschimpfte die unanständigen
Bewegungen, war aber doch fasziniert. 1893 wurde dieses "algerische
Dorf" an die Weltausstellung von Chicago transferiert, wiederum
ein Höhepunkt auf der so genannten "Midway Plaisance",
einem "Völkerjahrmarkt". Dort wurde der von Emile
Zola 1880 für seinen Roman "Nana" kreierte Name "danse
du ventre" in "bellydance" übersetzt und kam
als "Bauchtanz" ins deutschsprachige Europa.
Ab der Mitte des 19. Jh. kann man von einem regelrechten "Orientalismus"
in Europa sprechen, einer rein künstlerischen (nicht wissenschaftlichen)
Auseinandersetzung mit dem Orient, den man sich allerdings nach
eigenen Vorstellungen und Wunschträumen erfand, und der wenig
mit der Realität zu tun hatte. Aus diesem entstanden viele
Zeichnungen und Malereien von "orientalischen" Tänzerinnen,
die natürlich nicht die damalige Wirklichkeit widerspiegeln.
Auch die Pionierinnen des modernen Tanzes, denken wir da z.B. an
Isadora Duncan, Loïe Fuller, Ruth St. Denis und später
Martha Graham, liessen sich vom Orient inspirieren.
In Aegypten kam im Zuge der Modernisierung auch der orientalische
Tanz auf die Bühne, was allerdings einen "neuen",
bühnengerechten Tanzstil mit einer neuen Raumaufteilung und
einem choreographischen Konzept erforderte. Früher waren die
Tänzerinnen in ihrer "normalen" Strassenkleidung
aufgetreten, nun begannen sich Glitzerkostüme, bunte Stoffe
und Accessoires durchzusetzen. Das heute bekannte, zweiteilige Kostüm
mit Perlfransen kam wahrscheinlich erst später in Folge der
Hollywood-Phantasien nach Aegypten.
Nach der Einführung des Kinofilms in Aegypten wandelte sich
der orientalische Tanz noch einmal. Dadurch, dass Kairo das "Hollywood
der arabisch sprechenden Welt" wurde, wurde der orientalische
Tanz, wie er in Aegypten getanzt wurde, überall dort verbreitet.
"Das goldene Zeitalter" des ägyptischen Tanzes begann,
Namen grosser Tänzerinnen wie Badiaa Masabni, Tahiya Karioka,
Samia Gamal, später Nagua Fouad und Soheir Zaki, wurden weithin
bekannt. Die Tänzerinnen agierten häufig zugleich als
Schauspielerinnen, waren nicht mehr reine Solotänzerinnen,
sondern oft von einem ganzen Tanzensemble umgeben. Begleitet wurden
sie von grossen Orchestern.
Kostümierung und Tanzstil verändern sich bis heute: Es
findet nicht nur eine Beeinflussung des orientalischen Tanzes von
Aegypten nach dem Westen statt, sondern unterdessen auch umgekehrt.
Durch die Fundamentalisierung des Islams in den arabischen Ländern
leidet der Tanz nun sehr und wird nur noch von wenigen ägyptischen
Tänzerinnen in der Oeffentlichkeit gezeigt. Im privaten Bereich
wird aber weiterhin getanzt und der Raqs Sharqi und sein erdverbundenerer
Bruder Baladi über die Generationen weitergegeben.
Der Einstieg in den orientalischen Tanz kann sehr viel bewirken:
Einerseits das Interesse für eine fremde, vielfältige
Kultur wecken, andererseits die Erforschung des Selbst, des eigenen
Körpers mit seinen Möglichkeiten unterstützen.
Für viele Frauen bietet der Orientalische Tanz auch ganz einfach
die Möglichkeit, auf angenehme, lustvolle Weise, Gymnastik
zu betreiben.
- Oder tanzen zu können,
ohne von den meist tanzfaulen Männern abhängig zu
sein.
- Oder abzuschalten,
den Alltag zu vergessen.
- Oder Verspannungen
zu lösen (gerade bei Rücken- und Unterleibsbeschwerden
hat der Orientalische Tanz schon Wunder bewirkt) .
- Oder ...
Orientalischer Tanz für Männer: Natürlich können
auch Männer orientalisch tanzen. Traditionell sind dann die
Bewegungen härter, mit mehr Sprüngen, mit Accessoires wie
Stock oder Schwert. Ansonsten gilt dasselbe wie oben genannt, und
es ist jedem Mann überlassen, mehr oder weniger weich zu tanzen,
ja seine Weiblichkeit zu entdecken.
Freude am Tanz, Spass
miteinander, Interesse
an der Kultur des arabischen Raumes, präzise Technik,
Aufbau der Muskulatur und Erhöhung der Kondition... und
immer wieder Freude an der Bewegung und der Musik, das sind die
Ziele
des Tanzunterrichts im Centrum SULTAN
© Layali V. Römer, Auszüge vom Text wurden
2006 im "Trigon-Magazin" publiziert |